Die Berliner Papyrussammlung

Die Papyrussammlung der Staatlichen Museen zu Berlin ist die bedeutendste Papyrussammlung in Deutschland und zählt weltweit zu den fünf größten Sammlungen ihrer Art. Sie umfasst einige zehntausend mit Schrift versehene Papyri, 7000 Ostraka, über 1000 Pergamente, ca. 500 Papiere, gut 200 beschriebene und bemalte Textilien, über 100 Holz- und Wachstafeln, einige Lederhandschriften und –einbände und eine Bleitafel. Von all diesen Textträgern ist etwa die Hälfte in griechische, die andere in ägyptischer, lateinischer, hebräischer, aramäischer, syrischer, arabischer und persischer Sprache beschrieben. Zu den mit Schrift versehenen Stücken treten noch gut 100 Papyri und Ostraka mit Zeichnungen und Malereien.

Zum Bestand der Berliner Papyrussammlung gehören zahlreiche bedeutende Einzelstücke. Für die altägyptische Literatur können hier beispielhaft zwei Sinuhe-Handschriften, der “Lebensmüde”, der “Beredte Bauer” und die Märchen des Papyrus Westcar genannt werden. Im Bereich der griechischen Papyri findet sich für die Gattung der literarischen unter anderem die weltweit älteste erhaltene Buchrolle in griechischer Sprache, welche aus dem 4. Jh. v.Chr. stammt und die musikalische Dichtung des Timotheos “Die Perser” enthält, sowie ein großes Fragment der weitgehend verlorenen Komödie des Menander “Der Kitharaspieler”. Im Bereich der dokumentarischen Texte besitzt die Sammlung die früheste datierte Urkunde in griechischer Sprache überhaupt. Es handelt sich dabei um einen in das Jahr 310 v.Chr. datierten Ehevertrag aus Elephantine in Oberägypten. Zum Bestand gehören auch eine Steuerbefreiung aus der Kanzlei der Kleopatra sowie die umfangreiche Papyrusrolle “Gnomon des Idios Logos”, die als Handbuch für die Tätigkeit eines hohen römischen Finanzbeamten diente. Unter den lateinischen Papyri sind ein Ausschnitt aus einer Senatsrede des Kaisers Claudius über Justizreformen sowie ein Fragment aus der Verteidigungsrede des Cicero für Cn. Plancius von herausragender Bedeutung.

Die Papyruserwerbungen der Berliner Sammlung stammen zu einem guten Teil aus Grabungen des Museums in Ägypten. Hier sind unter anderem die Kampagnen von Otto Rubensohn zu nennen: Batn el-Harit (das antike Theadelphia im Arsinoites) sowie Umm el-Bâragat (Tebtynis im Arsinoites) 1902, Abusir el-Melek (Busiris im Herakleopolites) 1904, Eschmunen (Hermupolis) 1905–1906 und Elephantine (das heutige Geziret Assuan) 1906–1907. Weitere wichtige Stücke verdankt die Sammlung Funden von Friedrich Zucker in Gharabet el-Gerza (Philadelphia im Arsinoites) 1908–1909 und Dimê (Soknopaiu Nesos im Arsinoites) 1909–1910. Bereits seit 1902 konnten die Bestände mit Hilfe des Deutschen Papyruskartells, das unter maßgeblicher Beteiligung des berühmten Althistorikers und Schwiegersohns Theodor Mommsens Ulrich von Wilamowitz-Möllendorf begründet wurde, um insbesondere die Interessen preußischer Universitäten und Museen beim Aufbau von Papyrussammlungen zu vertreten, maßgeblich erweitert werden. Bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges konnten so zahlreiche Ankäufe in Ägypten – oft über die Vermittlung einheimischer Antikenhändler – getätigt werden. Anders als bei den Grabungen, sofern diese nach modernen wissenschaftlichen Standards ausgeführt wurden, sind für diese Papyri Fundumstände und archäologischer Kontext kaum mehr zu eruieren. Auch Erwerbungen (durch Schenkung, Vererbung oder Kauf) bestehender Sammlungen haben zum Aufbau des Bestandes beigetragen. Hier kann exemplarisch die Sammlung Wiedemann genannt werden, die bereits 1889 – also noch vor den großen Grabungskampagnen und den Ankäufen des Papyruskartells – in den Besitz der Staatlichen Museen kam. Später kamen unter zahlreichen anderen Erwerbungen die Privatsammlungen von Ulrich Wilcken und Hugo Ibscher hinzu.

Literatur zur Sammlungsgeschichte

W. Müller, Die Berliner Papyrussammlung in Vergangenheit und Gegenwart, Altertum 29, 1983, 133–141.

O. Primavesi, Zur Geschichte des Deutschen Papyruskartells, ZPE 114, 1996, 173–167.

G. Poethke, The Papyrus Collection of Berlin, in: W. Clarysse – H. Verreth (Hgg.), Papyrus Collections World Wide, 9–10 March 2000, Brüssel 2000, 13–15.

W. Brashear, Berlin Papyri: Past, Present and Future, in: I. Andorlini – G. Bastianini, M. Manfredi – G. Menci (Hgg.), Atti del XXII Congresso Internazionale di Papirologia. Firenze, 23-29 agosto 1998. Vol. I, Florenz 2001, 151–155.

H. Essler – F. Reiter, Die Berliner Sammlung im deutschen Papyruskartell, in: P. Schubert (Hg.), Actes du 26e Congrès international de papyrologie, Genf 2010, 213–220.