16. März–29. Juli 2012 — Kupferstichkabinett

Am Rande der Vernunft.
Bilderzyklen der Aufklärungszeit

Kupferstichkabinett

Die Ausstellung entführt den Besucher an die Randgebiete der Vernunft, welche die Epoche der Aufklärung prägt. Jenseits der intellektuellen, sozialkritischen und emanzipatorischen Bestrebungen blüht während des gesamten 18. Jahrhunderts die kreative, vielfältige und phantastische Bilderwelt des Capriccio. Versatzstücke von Mythos und Realität, von Antike und Gegenwart, von Arkadien und Commedia dell´Arte, von Ornament und Verfall fügen sich kaleidoskopartig zu spielerisch pittoresken Einfällen.

Natur, Architektur und der Mensch zeigen in diesen Bildern ihre phantasievoll-kapriziösen, wie auch ihre dunklen, irrationalen Seiten und beeindrucken als Thema teils umfangreicher druckgraphischer Serien durch Fülle und Variation. Szenen wie die der Capricci und der Scherzi di Fantasia von Giovanni Battista Tiepolo oder der Bacchanales von Jean-Honoré Fragonard bleiben letztlich enigmatisch. Die Rätselhaftigkeit kann bis zur Irritation des Betrachters führen, so etwa bei den düster-beklemmenden Architekturphantasien der Carceri von Giovanni Battista Piranesi oder bei den Caprichos von Goya, deren Einzelblätter zwar zentrale Themen der Aufklärung aufgreifen, doch zugleich wieder konterkarieren, Verstrickungen und Diskrepanzen aufzeigen und Irreales real erscheinen lassen. Ein Emblem dieser düsteren Kehrseite der lichten Welt der Vernunft und der Aufklärung ist das berühmteste Blatt der Caprichos "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" (El sueño de la razón produce monstruos).

Die Epoche der Aufklärung ist in ihrer Bildlichkeit geprägt vom Gegensatz zwischen lumiéres (Licht) und tenèbres (Schatten), zwischen Schwarz und Weiß - ein Gegensatz, der auch wesensbestimmend ist für das Medium der Druckgraphik. Durch die technische Verfeinerung verschiedener druckgraphischer Techniken im Wettstreit mit anderen Künsten wurden die Blätter und Serien der großen Künstler in dieser Zeit zum geschätzten Sammlerobjekt. So wird im Kunstprinzip des Capriccio nicht nur Erfindungsgeist und Phantasie des Künstlers anschaulich, sondern auch seine Virtuosität im Umgang mit dem Medium. Die Ausstellung bringt erstmals Schätze dieser Gattung aus den reichen Beständen des Kupferstichkabinetts ans Licht, um den herausragenden ästhetischen Wert dieser Kunstwerke auf Papier zu zeigen. Sie lädt ein, den künstlerischen Reichtum der Bilderwelt am Rande der Vernunft in dieser Epoche an der Schwelle zur Moderne zu entdecken.

Die Ausstellung findet im Rahmen einer Reihe von Veranstaltungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz aus Anlass des 300. Geburtstags Friedrichs des Großen am 24. Januar 2012 unter dem Motto "Kunst - König - Aufklärung" statt.

Francisco José de Goya y Lucientes: Da kommt der Kinderschreck (Caprichos 3), 1799
© Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Volker-H. Schneider